AUSGRABUNGEN IN SCHLESWIG Berichte und Studien 13 Mittelalterliche Lederfunde aus Schleswig -Futterale, Riemen, Taschen und andere Objekte Ausgrabung Schild 1971 -1975 Von Christiane Schnack uSch/13 Archäologisches Landesmuseum der Christian-Albrechts-Universität Schleswig, Schloß Gottorf AUSGRABUNGEN IN SCHLESWIG Berichte und Studien 13 Herausgegeben von Volker Vogel Mittelalterliche Lederfunde aus Schleswig - Futterale, Riemen, Taschen und andere Objekte Ausgrabung Schild 1971 -1975 Von Christiane Schnack 1998 WACHHOLTZ VERLAG NEUMÜNSTER INHALTSVERZEICHNIS 1. Einleitung...................................................... 9 2. Zum Fundmaterial und seiner Bearbeituncsmbthode, Allgemeines zum Leder und seiner Verarbeitung....................... 11 3. Die Funde....................................................... 14 3.1 Futterale ....................................................... 15 3.1.1 Messerscheiden.................................................. 17 3.1.2 Schwertscheiden ................................................ 38 3.2 Gurte, Riemen, Gürtel............................................ 44 3.3 Beutel und Taschen............................................... 58 3.4 Fäustlinge ...................................................... 74 3.5 Schleudertaschen ................................................ 78 3.6 Runde Scheiben.................................................. 80 3.7 Ösenlaschen..................................................... 81 3.8 Kordeln und Fransenbänder....................................... 82 3.9 Ball............................................................ 83 3.10 Varia........................................................... 84 4. Zusammenfassung ................................................ 93 Summary........................................................ 95 Anmerkungen ........................................................ 98 Literaturnachweis..................................................... 99 1. EINLEITUNG In den Jahren 1971-1975 wurden bei archäologischen Ausgrabungen auf dem sogenannten Schild, einem in der Schleswiger Altstadt gelegenen, geschlossenen Grundstücksareal (Abb. 1), größere Mengen an Lederobjekten zutage gefördert (Vogel 1983, S. 20 ff.). Die aus Schichten des 11.-14. Jahrhunderts stammenden Funde waren überwiegend gut erhalten, was vor allem als Folge der konservierenden Wirkung der in den Schichten vielfach nachgewiesenen Dungablagerungen zu werten ist. Die Bearbeitung der Lederfunde zeigte zum einen, daß hier einer der größten je in einer mittelalterlichen Stadt geborgenen Lederfundkomplexe vorlag und zum anderen, daß der größte Teil des Materials als Schuhwerk zu klassifizieren war (Tab. I)1. Aus dieser Erkenntnis resultierten entsprechende Bearbeitungsverfahren und die gesonderte Publikation der Schuhfunde (Schnack 1992). Tab. 1 Schleswig (Schild). Lederfunde, absolute (n) und prozentuale (%) Verteilung der ermittelten Funktionsgruppen. Funktionsgmppe n % Schuhwerk 11466 91,0 Futterale 404 3,2 Gurte, Riemen, Gürtel 203 1,6 Beutel, Taschen 62 0,5 Sonstiges 465 3,7 Summe 12600 100,0 Hinsichtlich der verbleibenden Lederobjekte steht vor allem deren typologisch-chronologische Bewertung im Vordergrund. Soweit möglich, sind darüber hinaus Überlegungen zu Fertigungstechniken berücksichtigt. Die Funktion oder Trageweise der Gegenstände ließ sich jedoch nicht immer in dem wünschenswerten Maße abklären. Der im Vergleich zu den Schuhfunden eingeschränkt erscheinende Beurteilungsrahmen ist allerdings nicht nur als Folge zeitlicher Vorgaben zu sehen, sondern auch in forschungsgeschichtlicher Hinsicht zu bewerten (vgl. Schnack 1992, Kap. 1.2), wobei darauf hinzuweisen ist, daß die Bearbeitung der Schleswiger Funde mit der Fertigstellung des Manuskriptes 1989 abgeschlossen war. In der Folgezeit bis zur Drucklegung neu erschienene Publikationen konnten bis auf wenige Ausnahmen nicht berücksichtigt werden. Auch die Ergebnisse der von der Autorin bearbeiteten Lederfunde der „Grabung Fischmarkt" in Konstanz, die einen Zeitraum vom ausgehenden 13. Jahrhundert bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts umspannen und sich überwiegend aus Schuhwerk zusammensetzen, wurden nicht mehr mit einbezogen (Schnack 1994). Zum Zeitpunkt der Bearbeitung der Schleswiger Lederfunde mußte bei der Suche nach Vergleichsfunden festgestellt werden, daß die Darstellung der nicht als Schuhwerk erfaßten Lederfunde in der Regel auf eine katalogförmige Beschreibung reduziert war. Dagegen hat sich schon recht früh und wohl als erster R. Blomqvist mit der Fundgruppe „Lederscheiden" befaßt; seine Ergebnisse beruhen auf Beobachtungen an zahlreichen Fundstücken aus Lund (Blomqvist 1938, S. 151ff.). C. van Driel-Murray (1980; 1990) hat sich sehr detailliert einem ungewöhnlich großen Fundkomplex relativ gut erhaltener Schwertscheiden des 14. Jahrhunderts aus Leiden gewidmet. Eine monographische Abhandlung über Messer und Futterale legten sodann J. Cowgill, M. de Neergaard und N. Griffith vor (vgl. Cowgill u. a. 1987). Darin werden unter anderem 115 Londoner Futterale aus der Zeit des späten 12. bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts vorgestellt, Mit ihren ausführlichen, reich illustrierten Beiträgen beantwortet diese Studie viele Fragen zum Handwerk, zu Fertigungs- und Verzierungstechniken, zu Trageweise und Verwendungszweck dieser Fundgruppe. Weitere Informationen lassen sich den Arbeiten von W. Groenman-van Waateringe (z. B. 1984; 1988 a) entnehmen, die bei ihren Untersuchungen nicht nur das Schuhwerk, sondern stets auch andere Funktionsgruppen einbezieht. Gleiches gilt für einige russische und polnische Arbeiten (vgl. Izjumova 1959; Ojateva 1962; 1965 bzw. Kazmierczyk 1970; Romanow 1979). Neben den Schuhfunden ist aus Schleswig eine ganze Reihe weiterer Erzeugnisse des mittelalterlichen Lederhandwerks überliefert. Die tatsächlich viel größere Vielfalt lederner Gebrauchsgegenstände im Mittelalter illustriert eindrucksvoll eine literarische Quelle aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. Es ist dies eine Gedichtsammlung des unter dem Pseudonym „Der König vom Odenwald" schreibenden Würzburger und Mainzer Domherrn Johann II. von Erbach (Olt 1988). Sein Loblied auf die Kuh beginnt mit einer Lobpreisung der Milch und des Fleisches und der daraus zu bereitenden Speisen. Es führt eine lange Liste von Gegenständen auf, die man aus Knochen und Horn herstellen konnte, und nennt dann die zahlreichen Produkte, die aus der Haut, das heifit dem Leder, gefertigt wurden (Olt 1988, S. 37-43). Die einschlägigen Verse lauten in R. Olts Übertragung: Aus den Häuten werden durch den, der mit dem Leder sachgemäß umgehen kann, gute breite Stiefel zum Schutz der Füße und Sohlen. Es ist kaum zu leugnen, daß auch der Kleidersaum damit geschützt wird. Man verzichtet auch nicht auf Brastleder, Trichter und Helmhorn. Dann faßt man die Sporen in Leder. Des weiteren will ich nicht davon ablassen, Euch den Schlauch zu nennen: darin lagert man Wein, Auch er ist aus Rindsleder. Und erst die nützlichen Kummete, worin die Pferde ziehen, ferner die Jochriemen, mit denen die Kühe ziehen. Niemand wird das bestreiten können: Mancher schnürt sich mit breiten und schmalen Gürteln, die man überall trägt. Die Ringe aus Knochen daran tragen Männer und Frauen. Wer der Handschuhe und Fingerhüte bedarf, dem nützt es (das Leder); Ledersäcke und Taschen stellt man aus den Häuten her und Flaschen, Trichter und Zapfen zur Aufbewahrung des Weines, Stricke und Scheiden für Schwert und Messer, sowie schöne Futtersäcke für das Vieh. Noch mehr kann ich anführen: Die Blasebalge sind zu nennen, die der Wunsch der Schmiede sind. Sodann ist da noch der wertvolle Schwanz: daraus entsteht ein guter Peitschenwedel; wenn man Pferde beschlagen muß, kann man sie damit züchtigen. Daß die Orgeln schön laut erklingen, kommt von der Haut. Aus den Sehnen macht man eine Hängevorrichtung für den Glockenschwengel. Falkenhauben, Hundebänder, Armleder, Beinbekleidung, Waffenhandschuhe von der Kuh: alles ist aus Leder, das die Kuh liefert, wie wir es vernommen haben. Ich erwähne die Decke, aus Flauten macht man Säcke, die man über Kopfbedeckung und Helm zieht, damit sie vor Staub geschützt und schön bleiben, sowie den Rost fernhalten. Dann überzieht man Schild und Buckel mit Sehnen und Kuhhäuten, dies erzähle ich den Leuten. Den Riemen am Kesselhut tragen alle guten Ritter und Knappen. Ein Sitz aus Haut ist gut für den Hintern. Sitzt ein Bischof darauf, so bemüht er sich um Weisheit. Auch das soll nicht ausgespart bleiben: man hat die Flaut zur Freude. Und Ich will Euch noch mehr erzählen: In den hängenden Wagen spannt man Kuhhäute, darauf sitzen die Bräute. Mehr noch erzähle ich von der Haut: Man stellt große wertvolle Bücher her, aus denen man singt und vorliest. Bei Trompeten und Trommeln, die aus Häuten entstanden sind, soll man nicht trauern. Es sind keinesfalls nur Träume: Peitschen, Halftern, Zaumzeug, Steigleder, Bindriemen, Hinierreif, Vorderzeug, Flandtaschen macht man. Mit Gegenleder und Gurten turniert ein Mann besser, Schöne Sättel rüstet man allein mit Leder und Bein aus. Jetzt muß ich mir Mühe geben: Die Kinder spielen mit Würfeln. Auch an die Kissen auf den Bänken, die mit Häuten überzogen sind, ist zu denken. Das muß man glauben. Die Holzschuhe sind noch da, auf denen man gut geht, weite und enge Schuhe, auch kurze und lange, die manchmal knarren. Die hier in amüsanter Form vorgeführte breite Palette unterschiedlicher Lederprodukte des Mittelalters zeigt im übrigen anschaulich, wie lückenhaft die bisher bei Ausgrabungen ans Licht geförderte archäologische Überlieferung ist. 2. ZUM FUNDMATERIAL UND SEINER BEARBEITUNGSMETHODE, ALLGEMEINES ZUM LEDER UND SEINER VERARBEITUNG Das aus der 536 m2 umfassenden Grabungsfläche am Schild (Abb. 1.5) geborgene Ledermaterial (Feuchtgewicht etwa 700 kg; vgl. Abb. 2) wurde nach seiner Bergung in den Archäologischen Zentralwerkstätten zu Schleswig naßgefroren, um dem unter Sauerstoffzufuhr rasch einsetzenden Zerfall entgegenzuwirken. Die vor allem aus größeren Abfallkonzentrationen stammenden Funde - nur selten kamen Objekte in separater Lage zutage - wurden nach und nach aufgetaut und beurteilt (eingehend dazu Schnack 1992, Kap. 2; 3). Da die Auswertung der Funde mittels elektronischer Datenverarbeitung (EDV) erfolgen sollte, wurde ein repräsentativer Teil des Gesamtmaterials im Rahmen einer Pilotstudie durchgesehen. Wiederkehrende Parameter führten zu einer Merkmalsliste und einem Aufnahmeschlüssel, der sich insbesondere für die Schuhfunde als aussagefähig erwies. Die auf einer Karteikarte zusammengefaßten Daten wurden dann in den Computer übertragen. Bezüglich der Anzahl der für die einzelnen Lederstücke ermittelten Daten ist grundsätzlich zu vermerken, daß sich - abgesehen von dem Erhaltungsgrad 10 11 17 18 16 ia 13 1* 11 12 8 1 TS 19 7 J * 3 9 4 10 S 54 20 22 26 21 31 Gewicht Mangartverteilung, (893 Einheiten) Abb. 2 Schleswig (Schild), Gesamtledergewicht (kl g). Verteilung auf die Planquadrate (Horizontale) und Grabungsschichten (Vertikale). - vor allem die Art des Objektes auswirkte. Zum Beispiel können unter optimalen Bedingungen von einem Halbschuh aus der jüngeren Siedlungsphase 80 Daten, von einer vorzüglich erhaltenen Messerscheide dagegen in der Regel nicht mehr als etwa 20 Daten erwartet werden. Dies, die Vielzahl individuell zu erfassender Einzelstücke sowie die begrenzte Anzahl der vorher festgelegten Merkmale zeigte sehr bald, daß die EDV-gesteuerte Auswertung der hier angesprochenen Funktionsgruppen und Einzelfunde wenig effektiv sein würde. Die manuelle Vorgehensweise stellte sich letztlich als die schnellere und dem Material besser angepaßte Auswertungsmethode heraus2. Die zeitliche Zuordnung der Lederfunde beruht auf der von H. Lüdtke (1985) vorgelegten Gliederung der mehr als 5 m mächtigen Schichtenfolge der Ausgrabung Schleswig (Schild) (vgl. Abb. 2; 4; 22; 30). Diese Stratigraphietabelle umfaßt sowohl den Gesamtzeitraum zwischen dem 11. und 14. Jahrhundert als auch eine Untergliederung mit den Zeitmarken „um 1100", „um 1200" und „um 1280" (Lüdtke 1985, S. 34ff.; bes. S. 38f.). Dabei ist zu beachten, daß das 11. Jahrhundert wahrscheinlich vollständig erfaßt wurde, während das 14, Jahrhundert vermutlich nur mit der .ersten Jahrhunderthälfte im Fundgut vertreten ist (Lüdtke 1985, S. 39). 12 Hinsichtlich des Werkstoffes Leder, das mit Hilfe verschiedener Bearbeitungs- und Gerbmethoden aus jeder Tierhaut zu gewinnen ist, wird auf die Ausführungen im ersten Publikationsteil verwiesen (Schnack 1992, Kap. 3). Gleiches gilt für die Bestimmung der verwendeten Lederarien (Schnack 1992, Kap. 3.1). Grundsätzlich wird im folgenden zwischen Bovinaeledern (Kalb/Rind) und Caprinaeledern (Ziege/Schaf) unterschieden. Da in dem vorliegenden Material unterschiedliche Funktionsbereiche repräsentiert sind/war ejne:generelle Beschreibung der Fertigungstechniken nur begrenzt sinnvoll. Die entsprechenden Informationen werden daher in den Ausführungen zu den einzelnen Objekten oder Funktionsgruppen gegeben. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, daß das Spektrum der vom Schuhwerk bekannten Nahtarten (Abb. 3.1-5; Schnack 1992, Kap. 3.2.2) durch die „offene Abschlußnaht" zu erweitern ist. Hierbei liegen die Fleischseiten, der zu verbindenden Lederteile einander gegenüber; die Fadenführung erfolgt von der Narbenseite durch einen Stepp- oder Heftstich (Abb. 3.6). 13 3. DIE FUNDE Die bei den Ausgrabungen in Schleswig (Schild) süßer Schuhwerk geborgenen und hier vorgestellten Lederfunde repräsentieren mehrere Funktionsgruppen sowie etliche Einzelstücke (Tab. 1;2). Unter den Funktionsgruppen dominieren Messer-und Schwertscheiden, Gurte, Riemen, Gürtel sowie Beutel und Taschen. Die Funde sind zum großen Teil stark fragmentiert. Zweifellos wirkt sich der Zerfall der Gegenstände in mehrere Einzelstücke auf die ermittelte Summe einer Funktionsgruppe aus, denn eine ursprüngliche Zusammengehörigkeit einzelner Fragmente konnte nur hin und wieder an besonders auffälligen Stücken erkannt werden. Dies muß bei Angabe des zahlenmäßigen Vorkommens einzelner Funktionsgruppen beachtet werden. Die Auswertung erfolgt nach typologischen Gesichtspunkten, wobei jeweils Fundaufkommen, Fertigungstechniken, Datierung und Vergleichsfunde berücksichtigt sind. Hinzu kommen Hinweise zur Trageweise, zu Verzierungen und zu den verwendeten Lederarten. Allerdings werden die für die kleineren Funktionsgruppen und Einzelstücke erarbeiteten Ergebnisse Tab. 2 Schleswig (Schild). Absolute Verteilung (n) der Lederfunde auf die ermittelten Funktionsgruppen und Farmen. Funktionsgruppe Futterale Messerscheiden Form 1 4 Form 2 31 Form 3 55 Form 4 10 verschiedene 13 nicht zuweisbar 55 404 Schwertscheideir nicht zuweisbare Futterale Gurte, Riemen, Gürtel Form 1 Form 2 Form 3 Form 4 Form 5 nicht zuweisbar Beutel und Taschen rechteckige Beutel runde Beutel Futteraltäschchen sonstige und nicht zuweisbare Fäustlinge Schleudertaschen Runde Scheiben Ösenlaschen Kordeln und Fransenbänder Ball 155 81 39 12 7 127 4 14 27 8 7 20 203 62 3 4 10 11 weniger differenziert vorgestellt. Die Abbildungen spiegeln eine repräsentative Auswahl der bestimmten Lederfunde wider3. Grundsätzlich ist festzuhalten, daß die Objekte - bis auf wenige Ausnahmen - von qualifizierten Handwerkern angefertigt wurden. Diese Tatsache galt schon für die Schuhfunde, wobei die enormen Lederfundkonzentrationen in den Schichten des 13./ 14. Jahrhunderts zudem den Rückschluß auf zumindest eine in unmittelbarer Nähe zum „Schild" gelegene Werkstatt des Schuhhandwerks erlaubten (Abb. 2; Schnack 1992, Kap. 7). Allgemein ist davon auszugehen, daß in Schleswig ein organisiertes Schuhhandwerk bereits im 12. Jahrhundert existierte (Schnack 1992, Kap. 7). Inwieweit Schuhmacher in den Herstellungsprozeß von Futteralen, Riemen, Taschen und anderem eingebunden waren, läßt sich allerdings weder für diese frühe noch für die darauf folgende Zeit eindeutig klären. In diesem Zusammenhang sind Hinweise zu beachten, denen zufolge Messer- und Schwertklingenfutterale in der Werkstatt eines Messerschmieds oder eines Schwertfegers angefertigt wurden (vgl. Groenman-van Waateringe 1988 a, S. 9). Für das vorliegende Untersuchungsgut ist weiterhin interessant, daß es ebenso wie die Schuhteile und Abfallprodukte der primären und sekundären Schuhherstellung aus den Lederfuxrdkonzentrationen stammt, wobei offen bleibt, ob der Abfall auf eine einzige Werkstatt, die mit der Produktion unterschiedlicher Gegenstände beschäftigt war, oder auf mehrere Fertigungsstätten zurückgeht. 3.1 Futterale Die Gruppe der Futterale wird hier durch Messer- und Schwertscheiden bestimmt. Sie zählen neben Schuhwerk fast immer zu dem üblichen Lederfundspektrum, sofern die für organisches Material erforderlichen Erhaltungsbedingungen im Boden vorgelegen haben (Tab. 1; 2). Bei den Ausgrabungen in Schleswig (Schild) wurden mehr als 400 Futterale beziehungsweise Futteralfragmente geborgen, die zum überwiegenden Teil aus Schichten des 13. Jahrhunderts stammen; grundsätzlich ist diese Fundgruppe aber für den gesamten Untersuchungszeitraum, belegt (Abb. 4). Der Versuch einer funktionalen Differenzierung nach Messer- und Dolchscheiden erwies sich als nicht durchführbar. Dafür sind vor allem zwei Gründe ausschlaggebend: Zum einen hatten Messer und Dolch oftmals die gleiche Funktion (Seitz 1965, S. 198; Knorr 1971, S. 129 ff.); zum anderen ist bekannt, daß der Dolch zwar im 13. Jahrhundert eingeführt, aber erst im 14. Jahrhundert allgemein üblich wurde (Seitz 1965, S. 199; Knorr 1971, S. 131), also jenem Jahrhundert, das in Schleswig (Schild) nur in seinen Anfängen vertreten ist (Lüdtke 1985, S. 39). Weiterhin gibt es zwischen Messer- und Dolchklingen keine spezifischen Größenunterschiede, so daß auch die Möglichkeit einer Abgrenzung über Maßvergleiche (z. B. Länge) entfällt. Im Gegensatz dazu lassen sich Messer- und Schwertscheiden anhand ihrer Längenmaße problemlos voneinander unterscheiden. In diesem Zusammenhang ist beispielsweise auf eine Flensburger Zunftordnung des Jahres 1514 hinzuweisen, aus der hervor- 14 15 10 5 24 20 22 26 2 1 25 um 1280 um 1200 um 1100 Messer- und Schwertscheicfen (404. Eintiefen) 1 Bi3 2—3 VA 4—5 >5 Abb, 4 Schleswig (Schild). Messer- und Schwertscheiden. Absolute Verteilung auf die Planquadrate (Horizontale) und Grabungsscliichten (Vertikale), geht, daß Klingen mit einer Länge unterhalb einer Elle nur von Messerhandwerkern, hingegen solche mit einer Länge über einer Elle nur von Schwertfegern geschmiedet werden durften (Groenman-van Waateringe 1988 a, S. 103; Anm. I)4. Die bei der Ausgrabung Schleswig (Schild) gefundenen Messerklingen variieren in der Länge zwischen 8 und zumindest 30 cm, für die Schwertklingen sind infolge ihres Ose Verbindungskante - Abschluß ■ -Mündung Faltkante Nahtlage im Querschnitt seitlich C^H5 ~ rückseitig Abb. 5 Futterale. Schematische Darstellung der verwendeten Terminologie. Erhaltungszustandes keine entsprechenden Maßspannen anzugeben (Saggau, in Vorbereitung). Unter der Annahme, daß das hier ermittelte Spektrum der Messerklingenlängen repräsentativ ist, werden deshalb Futterale beziehungsweise Futteralfragmente ab einer Länge von 35 cm als Schwertscheiden gewertet. Weiterhin sind Schwertscheiden durch eine dreieckige Mündungsöffnung oder eine parallel zu den Langseiten verlaufende Linienprägung gekennzeichnet. Eine zusätzliche Differenzierungsmöglichkeit ergibt sich aus der Lage der Verbindungskanten, so ist für die Messerscheiden von Schleswig (Schild) primär eine seitliche, für die Schwertacheiden hingegen ausschließlich eine rückseitige Nahtlage belegt (s. unten). Anhand der angesprochenen Parameter läßt sich feststellen, daß in Schleswig (Schild) Messer- und Schwertscheiden zu etwa gleichen Anteilen vertreten sind (n = 168 bzw. 155; Tab. 2). Allerdings konnten relativ viele Fragmente (n = 81) nicht eindeutig einer der beiden Funktionsgruppen zugewiesen werden. Die im Zusammenhang mit Futteralen verwendete Terminologie wird anhand einer Skizze erläutert (Abb. 5). 3.1.1 Messerscheiden Messerscheiden sind für Schleswig (Schild) seit dem 11. Jahrhundert nachzuweisen, wobei sich die Funde in Schichten des 13. und 14. Jahrhunderts häufen (Abb. 7-13; 15; 16). Fertigungstechnik: Die meisten Messerscheiden wurden aus einem tütenförmig zugeschnittenen Lederstück gefertigt, das einmal zur Längsmitte gefaltet wurde und sich mehr oder weniger gleichmäßig zum Abschluß verjüngte. Daneben kommen bei entsprechender Faltung Exemplare mit parallel verlaufenden Kanten vor, die in einem spitzen (Abb. 8.4) oder rechteckigen Abschluß enden (Abb. 10.2,4). Die Mündung verläuft in der Regel mehr oder weniger gerade, selten kommen keilförmige (Abb. 9.8) oder halbkreisförmige (Abb. 11.8) Ausschnitte oder gewellte Ränder vor (Abb. 13.1). Bei den meisten Schleswiger Messerscheiden lag die Verbindungskante entsprechend ihrer Faltung seitlich (z. B. Abb. 7- 12). Anderes gilt für die flächig verzierten Messerscheiden, die allerdings relativ-chronologisch jünger sind als die Masse der Schleswiger Stücke. Hier wurden beide Längsseiten des Lederstückes nach hinten umgeschlagen, so daß die Verbindungskante mittig oder leicht von der Mitte versetzt auf der Rückseite der Messerscheide lag (Abb. 13.1 - 3,5,7). Die Messerscheiden wurden vermutlich über einem Holzleisten oder der jeweiligen Messerklinge (vgl. Cowgill u. a. 1987, S. 35) ausgeformt und dann von der Narbenseite her vernäht, verbunden oder vernietet; damit entfiel das Wenden des fertigen Stückes, wie es bei dem zeitgleichen Schuhwerk üblich war (vgl. Groenman-van Waateringe 1988 a, S. 83). Beim Nähen verwendete man am häufigsten die offene Abschlußnaht, wobei davon ausgegangen wird, daß - ebenso wie bei dem Schuhwerk - mit Garnen aus pflanzlichen Fasern gearbeitet wurde (vgl. Schnack 1992, Kap. 3.4). Dagegen belegen Abdruckspuren und mehr oder weniger rechteckig geformte „Nahtlöcher", daß auch Lederbändchen als Verbindungselement dienten (z. B. Abb. 9.2; 11.6). Vergleichsfunde 16 17 dazu gibt es aus Haithabu (Groenman-van Waateringe 1984, S. 37; Taf. 20.2,6)5, Elisenhof (Grenander-Nyberg 1985, Taf. 63, 3,4), Pleskau, Alt Ladoga (Ojateva 1962, Abb. 10.19; 1965, Abb, 3. 5) und Novgorod (Izjumova 1959, Abb. 10. 3). Die Bändchen sind entsprechend der hinterlassenen „Nahtlöcher" mit einer Breite von 0,2-0,3 cm sehr fein gewesen (z. B. Abb. 10.4), so daß es wenig wahrscheinlich ist, daß sie zugleich zur Aufhängung des Messers am Gürtel dienten. Diese Doppelfunktion erfüllten möglicherweise stärkere Bänder (z. B. Abb. 9.3). Eine weitere geläufige Verbindungstechnik ist durch eiserne Niet- oder Randbeschläge belegt. Sie kommt erstmals in Schichten des 13, Jahrhunderts vor (z. B. Abb. 8.2,5; 9.7,8; vgl. auch Saggau, in Vorbereitung). Genietete oder beschlagene Messerscheiden entsprechender Zeitstellung gibt es aus Lübeck (Groenman-van Waateringe und Guiran 1978, S. 170; Abb. 72.2), der Burg von Itzehoe (Andersen 1980, S. 68; Abb. 53), Frankfurt/ Oder (Huth 1975, S. 59; Abb. 136,1,2), Breslau (Kazmierczyk 1970, Abb. 69. f; 70. c,d; Samsonowicz 1982, Abb. 26. c,d), Svendborg (Groenman-van Waateringe 1988 a, S. 90 ff.; Abb. 7.2.3.3; 4. 9; 5. 20), Lund (Blomqvist 1938, S. 152 ff.; Abb. 20-22; Bergman und Billberg 1976, Abb. 348), Alkmaar (Groenman-van Waateringe 1972, S. 105; Abb. 30.3d), Dorestad (Groenman-van Waateringe 1976, S. 196; Abb. 5. 26), Amsterdam (Baart u. a. 1977, S. 94 f.; Abb. 25; 26) und King's Lynn (Carterund Clarke 1977, S. 366; Abb. 169. 93). An einem Futteral des 11./12. Jahrhunderts aus Alt Lübeck sitzt eine kleine Kupferzwinge (Groenman-van Waateringe 1988 b, S. 147; Abb. 3.6/4). Trageweise: Das Messer gehörte zu den täglichen Gebrauchsutensilien beider Geschlechter. Es konnte darüber hinaus wichtiges Trachtelement sein oder als Standeszeichen geführt werden (Knorr 1971, S. 129 ff.), Das Futteral oder die Scheide, in der man das Messer verwahrte, wurde damit vielfach zum Schmuckträger. „Das Messer hing am Gürtel, an der Tasche des Mannes, steckte in der Nebenscheide der Waffe, der Saxscheide. Die Frau trug es in ihrem Utensilienbeutel, oder es hing am Lederriemen" (Knorr 1971, S. 129). Auch das frauenspezifische Küchenmesser war am Gürtel befestigt (Huth 1975, S. 59). Weiterhin ist bildlichen Darstellungen zu entnehmen, daß das Messer r Abb. 6 Rekonstruktion einer Messerscheidenaufhängung am Gürtel mittels Umkelirschlaufe. 18 einfach hinter den Gürtel oder quer unter den Taschenüberschlag gesteckt wurde (Cow-gill u. a. 1987, S. 53 ff.; Abb. 18; 19). Dies oder die Verwahrung in einem Beutel kann man für jene Schleswiger Futterale erwarten, die keinerlei Spuren einer Aufhängevorrichtung ergeben haben (z. B. Abb. 8. 7; 9.5). Eingeschnittene und durch Bandzug gedehnte Ösen lassen jedoch den Schluß zu, daß die meisten Schleswiger Messerscheiden am Gürtel befestigt waren. Dabei zählte das einfache Prinzip der Umkehrschlaufe wohl zur geläufigsten Aufhängetechnik • (Abb. 6), wie es im Zusammenhang mit einem männlichen Moorleichenfund aus Schweden aus der Zeit um 1360 überliefert ist (Sandklef 1937, Abb. 28). Aufgrund grober und . eher zufällig wirkender Öseneinschnitte vermutet M. de Neergaard, daß der Träger die Ösen für die Aufhängung zumeist selbst einschnitt (Cowgill u. a. 1987, S. 54). Wiewohl dies auch für einige der Schleswiger Futterale gelten mag (z. B. Abb. 7. 2,3), folgen die meisten Öseneinschnitte einem überwiegend geregelten Verteilungsschema, wobei die Anzahl der Ösen durchaus unterschiedlich sein kann (vgl. z. B. Form 2: Abb. 8.2,4). Die Riemchen wurden durch die Ösen quer zur Längsachse der Messerscheide um diese herumgeführt (Abb. 10.6,10). Typologie: Die Messerscheiden von Schleswig (Schild) wurden aufgrund ihres Zuschnittes beziehungsweise der Art ihrer Verzierung in vier Formen untergliedert: Form 1: einfach, mit seitlich abgestufter Verbindungskante. Form 2: einfach, mit oder ohne Beschlag. Form 3: verziert, mit zipfeligem Randdekor. Form 4: verziert, mit Stempelprägung. Die diesem Schema nicht entsprechenden Exemplare werden in der Gruppe „verschiedene Messerscheiden" zusammengefaßt und beschrieben. Die Funktionsgruppe „Messerscheiden" besteht aus insgesamt 168 Lederstücken (Tab. 2). Davon ließen sich allerdings 55 Fragmente aufgrund ihres äußerst schlechten Erhaltungszustandes weder den oben genannten Formen noch der Gruppe „verschiedene Messerscheiden" (n = 13) zuordnen. Am häufigsten sind die Formen 3 und 2 (n = 55 bzw, 31) zu belegen, seltener die Formen 4 und 1 (n = 10 bzw. 4), Form 1: Die vier dieser Gruppe zugewiesenen Exemplare stammen ausschließlich aus Schichten des 11. Jahrhunderts (Abb. 7). Die Länge der Messerscheiden liegt zwischen 16,5 und 23,0 cm, die Breite zwischen 3,3 und 5,5 cm. Während die größte Messerscheide seitlich vernäht wurde (einfacher . Heftstich; Abb. 7.3), sind die anderen Exemplare vermutlich mit Lederbändchen verschlossen worden, wie man es an einem Stück aus Pleskau in situ beobachten kann (Ojateva 1962, Abb. 10.19). Alle Messerscheiden weisen unterhalb der Mündung an ; der Verbindungskante je eine Öse für die Aufhängung auf. Die als Kennzeichen dieser Form bestimmte seitliche Abstufung ist in älteren Fundzusammenhängen stets an unverzierte Messerscheiden gebunden. Entsprechende Belege gibt es aus Haithabu (Groenman-van Waateringe 1984, z.B. Taf. 21.7), Elisenhof (Grenander-Nyberg 1985, S. 237; Taf. 63.4), Lund (11. Jh.; Blomqvist und Märtensson 1963, S. 197 ff.; Abb. 218-220) und Durham (11. Jh.;Thornton 1979, S. 28; Abb. 17). Die 19 Abb. 7 Schleswig (Schild). Messerscheiden. Form 1 (1 Nr. 1860; 2 Nr. 9096; 3 Nr. 12056; 4 Nr. 12322). M. 1:3 aus Pleskau überlieferten Funde sind - ohne genauere Eingrenzung - dem 11.-14. Jahrhundert zugewiesen (Ojateva 1962, S, 94; Abb. 10,13,15-19). In London ist diese Form seit dem 12. Jahrhundert vertreten (Cowgill u. a. 1987, S. 115; z. B. Abb. 76.372), allerdings stets in Verbindung mit flächiger Verzierung in Form von Lederschnitt oder Stempelprägung. Gleiches gilt für weitere'Fundorte innerhalb des angelsächsischen Raumes, so King's Lynn (Carter und Clarke 1977, S. 366; Abb. 169.93), York (Richardson 1961, S. 102 f.; Abb. 29. 4; MacGregor 1982, S. 142; Abb. 73.681) und Hull (Jackson 1979, S. 57; Abb. 24.54). Form 2: Einfache Messerscheiden, die sich zum Abschluß mehr oder weniger gleichmäßig verjüngen (n = 31), sind in Schleswig (Schild) vom 11.-14. Jahrhundert belegt (Abb. 8; 9.1 - 5). Während Messerscheiden ohne Hinweise auf eine Riemenaufhängung - das heißt ohne Oseneinschnitte - vom 11.-13. Jahrhundert im Fundgut erscheinen, sind solche mit mehreren, sorgfältig untereinander angeordneten Ösenpaaren erst aus Schichten des 13. und 14. Jahrhunderts überliefert (z. B. Abb. 8. 2,4). Daneben gibt es Exemplare mit einzeln angebrachten Ösen (Abb. 8, 6,8; 9. 3). Vom 13. Jahrhundert an kommen Messerscheiden vor, deren Verbindungskanten mit Nieten oder einem eisernen Beschlag zusammengehalten wurden (Abb. 8. 1,5). Die Messerscheiden sind durchschnittlich 19,6 cm lang und 4,2 cm breit. Das kleinste Exemplar ist 12 cm lang und 1,5 cm breit (Abb. 8.7). Das größte Futteral ist 31 cm lang und 5,5 cm breit, die .Verbindungskante wurde hier entweder mit einem dicken Faden oder - wohl eher - mit einer Lederschnur zusammengehalten (Abb. 9.2). In der Regel 20 Abb. 8 Schleswig (Schild). Messerscheide,, Form 2 (1 Nr. 1550; 2 Nr. 6730; 3 Nr. 9415; 4 N, 1479; 5 Nr. 1547; 6 Nr. 4051; 7 Nr. 4124; 8 Nr. 6506). M. 1:3 wurde die Verbindungskante durchgehend vernäht (Abb. 8.4) oder vernietet und beschlagen (Abb. 8.1). Darüber hinaus ist zu beobachten, daß man verschiedene Verbin-dungstechniken miteinander kombiniert hat. Dies gilt beispielsweise für eine Messerscheide, deren Verbindungskante in der unteren Hälfte überwendlich vernäht, während die obere Hälfte wahrscheinlich mit dem Band der Aufhängung geschlossen wurde (Abb. 9.4). Die Aufhängung einer kleinen Messerscheide erfolgte mittels eines Riemchens, das durch eine Endschlaufe an der Verbindungskante unterhalb der Mündung befestigt 21 Abb. 9 Schleswig (Schild). Messerscheiden. 1-5 Form 2 (1 Nr, 7531; 2 Nr. 7751; 3 Nr. 1481; 4 Nr. 3446; 5 Nr. 13251); 6-8 Form 3 (6 Nr. 7858; 7 Nr. 13869; 8 Nr. 12702). M. 1:3 wurde (Abb. 8. 6). Andere - besonders kleine - Exemplare, die keinerlei Spuren einer entsprechenden Vorrichtung zeigen, wurden vermutlich in einer Tasche oder einem Beutel verwahrt (Abb. 8.3,7; 9.5), was wohl im Falle einer fragmentarisch erhaltenen, aber noch vergleichsweise langen Messerscheide nicht zutreffen dürfte (Abb. 9.1). Eines dieser kleinen Stücke stammt aus einer um 1200 datierten Fundschicht. Bemerkenswert daran sind Reste einer Holzfutterschicht (Abb. 9. 5)6. Dieser für Schleswig (Schild) singulare Fund findet eine Parallele in einer mit einer sehr dünnen Holzlage gefütterten Messer- oder Dolchscheide aus Exeter, die dem 15.-17. Jahrhundert zugewiesen wird (Friendship-Taylor 1984, S. 331; Abb. 187.62), Für die Form 2 lassen sich Vergleichsfunde aus Haithabu (Ullemeyer 1970, S. 67; Groen-man-van Waateringe 1984, S. 37; z. B. Taf. 20. 5) und Elisenhof (Grenander-Nyberg 1985, S. 236; Taf. 63.3) anführen, dort tritt eine Futteralform mit seitlichem Ösenfortsatz hinzu (z.B. Groenman-van Waateringe 1984, Taf. 21.4; Grenander-Nyberg 1985, S, 236; Taf. 63.2). Weitere Belege stammen aus Alt Lübeck (11./12. Jh.; Groenman-van Waateringe 1988b, S. 147; Abb. 3, 6/4,6/14,6/18), Frankfurt/Oder (Huth 1975, S. 59; Taf. 136.1,2), Breslau (13. Jh.; Kazmierczyk 1970, Abb. 70. a,d; Samsonowicz 1982, Abb. 26. a,d), Oppeln (10.-12. Jh.; HoMwwicz 1956, Abb. 46.1 -3), Alt Ladoga (7. -9. Jh.; Ojateva 1965, Abb. 3.2-4), Novgorod (Izjumova 1959, Abb. 10.3), Svendborg (ca. 1200; Groenman-van Waateringe 1988 a, S. 105; Abb. 7.2.3.3), Halland (um 1360; Sandklef 1937, S. 14; Abb. 28), Dorestad (14./15. Jh.; Groenman-van Waateringe 1976, S. 196; Abb. 5. 26), Alkmaar (13. Jh.; Groenman-van Waateringe 1972, S. 105; Abb. 60.3d), Amsterdam (13. Jh.; Baart u. a. 1977, S. 94 f.; Abb. 25; 26) und Beverley (13. Jh.; Atkinson und Foreman 1992). Form 3: Messerscheiden mit zipfeligem Randdekor sind in Schleswig (Schild) erstmals für die Zeit um 1200 nachzuweisen und dann bis in die Schichten des 14. Jahrhunderts zu belegen (n = 55; Abb. 9.6 - 8; 10 -12). Die durchschnittliche Länge der Messerscheiden ist mit 22,4 cm, die Breite mit 4,2 cm anzugeben, das größte Exemplar mißt in der Länge mindestens 30,5 cm und in der Breite 4 cm (Abb. 10.1). Nach Ausweis der „Nahtlöcher" wurden die meisten Messerscheiden dieser Gruppe seitlich mit durchgezogenen Lederbändchen verschlossen (z. B. Abb. 10.2,4), aber es kommen auch textile Fadennähte vor (z. B. Abb. 10. 3) oder Eisenbeschläge und Niete (z.B. Abb. 10.9). Der Nachweis eines über die gesamte Kantenlänge reichenden Eisenbeschlages gelang seltener (z. B. Abb. 9.8). In der Regel wurde die untere Hälfte durch eine Eisenzwinge, die obere Hälfte durch Niete zusammengehalten (Abb. 10.9). Mit Hilfe der Niete fixierte man offenbar zugleich die horizontal verlaufenden Riemchen (z. B. Abb. 10.6), wobei ein zusätzlicher Lederstreifen als verstärkende Nietunterlage dienen konnte (Abb. 10.10). Die quer verlaufenden Riemchen waren hin und wieder fixiert, vielleicht mit einem schmückenden Schling- oder Kreuzstich (z. B. Abb. 11.7). Auch in dieser Gruppe kommen Messerscheiden ohne Aufhängevorrichtung vor (Abb. 9.7; 11.1). Bei den übrigen Exemplaren differiert die Anzahl der Ösen, was auf unterschiedliche Bindetechniken hindeutet. Dabei sind Messerscheiden mit nur einer Öse (Abb. 11.2,3) oder einzelnen Ösengruppen (Abb. 11.4) seltener als solche mit untereinander angeordneten Einzelösen (z. B. Abb. 10.7) oder in Reihen neben- und untereinander plazierten Ösenpaaren. So auch an einer Messerscheide, an der seitlich oberhalb des Mündungsrandes noch ein längeres Lederband in situ verknotet vorgefunden wurde, das sehr wahrscheinlich zur Aufhängung an einem Gürtel diente (Abb. 11,5). 22 23 ] Abb. 10 Schleswig (Schild). Messerscheiden. Form 3 (1 Nr. 2081; 2 Nr. 13052; 3 Nr. 8455; 4 Nr. 11075; 5 Nr. 3581; 6 Nr. 1548; 7 Nr, 3221; 8 Nr. 1546; 9 Nr. 7860; 10 Nr. 7812). M. 1:3 24 Abb. 11 Schleswig (Schild). Messerscheiden, Form 3 (1 Nr. 4001; 2 Nr, 9516; 3 Nr. 13611; 4 Nr. 6260; 5 Nr. 13862; 6 Nr. 6034; 7 Nr. 5990; 8 Nr. 11181). M. 1:3 25 Abb, 12 Schleswig (Schild). Messerscheiden. Form 3 (1 Nr. 9367; 2 Nr. 3503; 3 Nr. 12677; 4 Nr. 7753; 5 Nr. 13858; 6 Nr. 6211; 7 Nr. 10118; 8 Nr. 6924; 9 Nr. 10841). M. 1:3 Die Mündung einer Messerscheide (Abb. 11.8) weist auf Vorder- und Rückseite halbkreisförmige Ausschnitte auf, die von Einstichen begleitet werden. Ob letztere vielleicht von einer Einfassung oder möglicherweise von einer Reparatur herstammen, muß offen bleiben. Kennzeichen dieser Formengruppe ist ein in das Leder geschnittenes zipfeliges Randdekor, das in unterschied liehen Variationen vor allem die untere Hälfte der Verbindungskante sowie den Abschluß begleitet. Nur sehr selten dehnt sich die Schnittdekoration auch auf die obere Hälfte (Abb. 11.1,4) oder die untere Hälfte der gegenüberliegenden Faltkante aus (Abb. 9. 6; 10.2,4; 11.2; 12.1,2). Das Dekor besteht überwiegend aus trape-zoiden bis rechteckigen Zipfeln (z. B. Abb. 10.4,7; 12.1), die ab und an durch fransenartige Einschnitte ergänzt werden (Abb. 12.2,3). Einige Messerscheiden mit rechteckigem Abschluß weisen kleine Fransengruppen auf (Abb. 11.5,6; 12.4). Mitunter fällt das Dekor in Form und Ausführung recht einfach aus (Abb. 9. 8; 10.5,6,8; 11.4; 12.6). Andere Messerscheiden tragen auf der Vorderseite zusätzliche Verzierungen, die sich entweder auf Steppereien beschränken (Abb. 11.3; 12.1,9) oder diese mit Ausstanzungen vereinen (z. B. Vierblattrosetten, gegenständige Dreiecke; Abb. 10.3; 11.2). Diese Kombination gilt auch für ein nur im oberen Teil erhaltenes Fragment, dessen vollständige Kantengestaltung nicht mehr zu beurteilen ist. Hier zeigt sich ein kreisförmiger Fortsatz mit zipfeligem Anhängsel, die kleinen Ausstanzungen sind annähernd rechteckig oder rautenförmig geformt (Abb. 12.5), wie es ganz ähnlich bei einem weiteren Fragment einer Messerscheide begegnet (Abb. 12. 8). Dieser Formengruppe wird zudem eine sekundär beschnittene Messerscheide mit herzförmigen Ausstanzungen (Abb. 12. 7) zur Seite gestellt, obgleich das diese Gruppe kennzeichnende zipfelige Randdekor nicht nachweisbar ist. Die Ausstanzungen sind zum Teil rosettenartig angeordnet, wie es auch ganz ähnlich an einer Breslauer Messerscheide wiederkehrt (Kazmierczyk 1970, Abb. 69. a; 70. e; Samsonowicz 1982, Abb. 26. e). Messerscheiden mit Ausstanzungen und/oder Ziersteppereien kommen in Schleswig (Schild) erstmals in Schichten des 13. Jahrhunderts vor. In Breslau sind diese Verzierungstechniken für das 12. und 13. Jahrhundert belegt (Kazmierczyk 1970, Abb. 69. a-e,g,i). Vergleichsfunde für das zipfelige Randdekor lassen sich aus der näheren und weiteren Umgebung Schleswigs anführen. Aus der Burg von Itzehoe stammt eine in das 14. Jahrhundert datierte Messerscheide mit vier parallel verlaufenden Bandresten sowie einem fragmentarisch erhaltenen Ortband, deren trapezoide Fortsätze mit Ziernieten beschlagen sind (Andersen 1980, S. 68; Abb. 53). Aus einer Fäkaliengrube des 14./15. Jahrhunderts in Lüneburg ist ein Objekt überliefert, das - aufgrund seines Fundzusammenhanges mit einem Schuh - als Schuhlasche interpretiert wurde (Plath 1980, S. 70; Abb. 102)7, aber bei genauerer Betrachtung den hier behandelten Messerscheiden zur Seite gestellt werden kann. Bei dem auseinandergefaltet gezeichneten Stück wird in der Mitte der Längsachse die ursprüngliche Faltung andeutungsweise sichtbar. Das 19,1 cm lange und 3,1 cm (6,2 cm) breite Futteral zeigt im oberen Teil zweimal sechs untereinander angeordnete Osenpaare. Kleinere Löcher lassen darauf schließen, daß es in der oberen Hälfte mit Nieten beschlagen war, während die untere Hälfte vermutlich mittels einer Zwinge zusammengehalten wurde. - Weitere Parallelen gibt es aus Breslau (13. Jh.; 26 27 Kazmierczyk 1970, Abb. 69. h; 70. f; Samsonowicz 1982, Abb. 26, f), Ärhus (Lorenzen 1971, S. 182; Abb. ALI), Svendborg (14. Jh.; Groenman-van Waateringe 1988 a, S. 88; Abb. 7.2.2.2), Hull (Jackson 1985, Abb. S..14) und vielleicht aus Aberdeen (13./14. Jh.; Murray u. a. 1982, S. 197; Abb, 113.154). Eine Messerscheide aus Novgorod weist entgegen dem üblichen Schema in der oberen Kantenhälfte Randzipfel auf (Izjumova 1959, Abb. 10,6). Form 4: Messerscheiden mit Stempelprägung (n = 10) sind seit dem 13. Jahrhundert sporadisch im Fundmaterial von Schleswig (Schild) vertreten (Abb. 13). Bei dieser Form liegt die Verbindungskante auf der Rückseite der Messerscheide, wo sie mit einer offenen Abschlußnaht (z. B.Abb. 13.1) oder Uberwendlichnaht (Abb. 13.2,3) geschlossen wurde. Die Maße der drei weitgehend oder vollständig erhaltenen Futterale sind mit 17x3 cm (Abb. 13. 7), 17,5 x 5,5 cm (Abb. 13.3) und 26 x 4 cm (Abb. 13.1) anzugeben. Neben den durch Vorder- und Rückseite greifenden Ösen (Abb. 13.3) liefert diese Messerscheidengruppe auch Beispiele für eine Aufhängung, die mit Hilfe nur rückseitig eingeschnittener Ösen bewerkstelligt wurde (Abb. 13.1,7). Der Mündungsrand ist in der Regel gerade gestaltet, einmal verläuft er wellenförmig (Abb. 13.1). Kennzeichen dieser Gruppe sind in die Narbenoberfläche eingeprägte Ornamente, die mittels eines erwärmten Metallstempels in das feuchte, flach ausgebreitete Leder vor seiner Verarbeitung gepreßt wurden. Diese Vorgehensweise gewährleistete ein gleichmäßiges und prägnantes Verzierungsbild, während das Aufbringen des Stempels auf einer fertigen Messerscheide ungleichmäßige, verwaschene Abdrücke zur Folge gehabt hätte (Call 1965, S. 18; Cowgill u. a. 1987, S. 43). Mit diesen Arbeiten waren im übrigen Futteralmacher betraut (Gall 1965, S. 29). Das Spektrum der aus Schleswig (Schild) überlieferten Stempelmuster wirkt im Vergleich zu den Funden aus London (Cowgill u. a. 1987, Abb. 11) oder Lund (Blomqvist 1938, Abb. 34) bescheiden. Bestimmend ist aber hier wie dort der rautenförmige Lilienstempel (Abb. 14.1 -5), dabei reicht die Musterfolge - je nach Abdruckdichte - von einer lockeren, aber regelmäßigen Streuung (Abb, 13.2) bis hin zu scharf abgegrenzten Bildfeldern (z. B. Abb. 13.3), die durch Linienpressung ergänzt sein können (z, B. Abb. 13.7). Die Rückseite der Futterale wurde offensichtlich ebenfalls stets verziert, und zwar exakt im Stil der Vorderseite (Abb. 13. 3), nachlässiger (Abb. 13. 7) oder mit einem größeren Stempel (Abb. 13.1). Insgesamt sind die verwendeten Stempel recht klein, der größte Abdruck einer Lilienraute mißt 0,8 x 0,5 cm. Allein aufgrund ihrer Stempelverzierung (Abb. 14,10,11,13), im übrigen unter großem Vorbehalt, werden dieser Gruppe noch drei Fragmente zugewiesen. Eines dieser Stücke zeigt mehrere untereinanderstehende, vergleichsweise große Rauten, deren Innenflächen mit einem Punktraster ausgefüllt sind (Abb, 13. 6). Auf einem kleineren Fragment ist das mehrfach wiederkehrende, perlstabgerahmte Bild eines schreitenden Löwen zu sehen (Abb. 13.4). Wie die Lilie zählt auch der Löwe zu den heraldischen Stempelmotiven, die auf mittelalterlichen Messer- und Dolchscheiden nicht selten sind. Dies belegen insbesondere die Londoner Funde, auf denen auch das Löwenmotiv häufiger vorkommt Abb. 13 Schleswig (Schild). Messerscheiden. Form 4 (1 Nr. 5358; 2 Nr, 3922; 3 Nr, 5482; 4 Nr. 1501; 5 Nr. 3144; 6 Nr. 7366; 7 Nr. 13042), M. 1:3 (Cowgill u. a. 1987, S, 43 f.; Abb. 11). Das dritte Fragment trägt dicht gesetzte quadratische Abdrücke mit diagonal geteilten Flächen (Abb. 13.5). In den derart gebildeten Dreiecksfeldern neigen sich je zwei Rankenstäbchen einander zu, im Zentrum der Fläche liegt ein gleicharmiges Kreuz. Ein ähnlich gegliedertes Ornament ist auf der Rückseite einer Londoner Messerscheide zu erkennen (Blomqvist 1938, S. 155; Abb. 24). Während das Schleswiger Stück aus einer Schicht des 13. Jahrhunderts stammt, wird das Londoner Futteral in das 11. Jahrhundert datiert und zählt zu einer Gruppe angelsächsischer Arbeiten, zu denen auch das sogenannte Jagdmesser Karls des Großen in Aachen gehört (Blomqvist 1938, S. 154 f.; Abb. 22; Gall 1965, S. 13 ff.; Abb. 9). 28 29